Monika Wipperfürth

1918 - 1933 Zwischen Tradition und Wandel

1918 33 1 1Klassenlehrer Adams mit seiner Quinta, 1925 „Die (Weimarer) Republik und ihre Verfassung hatten von Anfang an in der Mentalität der Menschen, die in und unter ihr lebten, keinen hinreichenden Bundesgenossen. Die Beamtenschaft verhielt sich zwar überwiegend loyal, aber sie war und empfand sich in Denken und Gesinnung ebenso überwiegend nicht als Träger dieser demokratischen Republik, sondern eines davon abgelösten, demokratieund parteiunabhängigen Staates. ... Von den akademischen Kathedern war, soweit man über fachwissenschaftliche Arbeit hinausging, nur sehr vereinzelt eine innere Bejahung der demokratischen Republik zu vernehmen, verbreitet hingegen ein sich steigerndes nationales Pathos, das zum Teil mit scharfer Demokratiekritik verbunden war.

Die Vertreter des geistigen und kulturellen Lebens gelangten in ihrer großen Mehrzahl über einen Vernunftsrepublikanismus nicht hinaus.“ 1 2 Trifft dieses Urteil auch auf den „Lebensraum Schule“ zu? Inwieweit hielt der Demokratiegedanke in der Städtischen Oberschule für Mädchen Einzug? Schulentwicklung und Schulalltag sollen im folgenden schwerpunktmäßig unter dieser Fragestellung betrachtet werden.

„Politik spielte überhaupt keine Rolle ...“

„Am zweiten Tag der Ernst begann, mußten schon Griffel und Tafel ran; es war noch Krieg, es gab noch kein Papier, aber trotzdem sangen wir ‚Heil Kaiser dir‘.“ (Jahrzehnte später verfaßte Erinnerung an den 2. Schultag 1918)

„Das mußten wir wohl singen, es war ja noch Krieg, später spielte der Kaiser überhaupt keine Rolle mehr; ... für uns kam dann der Verfassungstag im August nach den Großen Ferien, ... dann hatten wir eine Feier in der Schule, da wurde dann so ein bißchen was Politisches und Vaterländisches geredet. Um 10.30 Uhr hatten wir frei, das war natürlich das Schönste an der Sache.“ 2

„Der aufzüngelnde politische Radikalismus brachte dem Kollegium von außen her einige Veränderungen, aber das dauerte nicht lange, und mit dem Wechsel des Wandschmuckes hatte die Schule zunächst das Ihrige getan, um den neuen innenpolitischen Verhältnissen gerecht zu werden.“ 3

Die nationalen Feiertage des Kaiserreiches wurden per Erlaß aufgehoben. So wurde zum Beispiel mitgeteilt: „Jede Schulfeier am Sedanstag hat zu unterbleiben. Am ersten und zweiten September ist regelmässiger Unterricht durchzuführen.“ 4 Die neuen Feiertage wurden nur halbherzig eingeführt. „Falls reichsgesetzliche Regelungen des Maifeiertages nicht rechtzeitig erfolgen, ordne ich hiermit an 1. Es bleibt dem Ermessen der Schulverbände überlassen, ob am 1.5. die Schulen geschlossen werden sollen oder nicht. ...3. An Schulen, die den Unterricht nicht aussetzen, darf keinem Lehrer und Schüler aus dem Fernbleiben vom Unterricht an diesem Tage irgendein Nachteil erwachsen.“ 5

Das Lyzeum ohne Arbeitertradition wurde am 1. Mai nicht geschlossen. Wie skeptisch der Lehrkörper auch einer der staatstragenden Parteien der Weimarer Republik gegenüber eingestellt war, wurde z.B. in dem Jahr deutlich, als der monatliche Wandertag mit dem 1.Mai zusammenfiel.

Eine Schülerin erinnert sich: „ SPD und KPD machten an diesem Tag jede für sich Aufmärsche. Unsere Klassenlehrerin Fräulein Seemann sagte uns, wir sollten an diesem Tag nichts Rotes anziehen, wir wären ja keine politische Formation.

Heute kann man SPD sein, aber früher war das nicht ‚in‘, es war nicht angebracht in der Zeit.“ 6 Wandertage und Schülerfahrten fanden in regelmässigen Abständen statt. In diesem Zusammenhang erscheint es mir notwendig, die Rolle des „Vereins für das Deutschtum im Ausland“ näher zu beleuchten. Am lebhaftesten erinnerten sich die interviewten Schülerinnen an Fahrten, die er veranstaltete.

„Immer um Pfingsten fand eine Fahrt statt. Ich nahm an einer nach Kiel teil. Dort wohnten wir in der Jugendherberge, machten Ausflüge und trafen Jugendliche aus ganz Deutschland.

1918 33 2 1Wir Osnabrücker hatten Wimpel dabei und marschierten unter dem Spruch ‚Osnabrücker Pumpernickel, heil, heil, heil!‘ So hatte jede Stadt irgendeinen Spruch. Eine politische Bedeutung hatte das nicht, das hatte auch nichts mit dem Ersten Weltkrieg zu tun.“ 7 „Der VDA traf sich jedes Jahr in irgendeiner deutschen Stadt oder auch mal in Salzburg, ich war mit in Kiel. Dazu kamen auch alle Gruppen von Deutschen, die im Ausland lebten. Die brachten ihre bodenständige Kultur mit. Dabei lernte man viele Menschen kennen, sie waren ja alle im Schuloder Studentenalter.“ 8 Das Foto oben zeigt die Schülerinnen bei ihrem Ausflug nach Kiel. Sie tragen hier die für alle Mittelschulen und Gymnasien üblichen „Schülermützen“. „... Man wußte gleich, mit wem man es zu tun hatte . ... Wir mußten uns damit benehmen, die Bürger wußten ja auch, das ist eine vom Gymnasium. ... Für die Schule den Ruf zu wahren, das war wichtig.“ 9 Darüber hinaus wurde für den VDA geKiel, 18.05.1929 3sammelt, zu Weihnachten wurden Postkarten verkauft etc.. In der Schulgeschichte aus dem Jahr 1948 heißt es dazu „Die sportlichen Reichsjugendwettkämpfe, Wandertage und Studienfahrten bereicherten und vertieften die unterrichtliche Alltagsarbeit. Den breitesten Raum im Schulleben aber nahm die Schulgruppe des VDA ein. Dieser Verein, damals noch weit entfernt, ein machtpolitisches Instrument zu sein, weckte und pflegte den Gedanken des Deutschtums in den Schülerinnen in einer Weise, die den jugendlichen Kräften angemessen war. Parteipolitische Gruppenbildungen wurden durch behördliche Verbote der Schule ferngehalten und sind an einer Mädchenschule überhaupt eine seltene Erscheinung. Aber der VDA stellte die Aufgabe, friedlich helfende Verbindung von Mensch zu Mensch über die Reichsgrenzen hinweg herzustellen und die Kraft des Zusammenhaltens in der schweren Notzeit des Volkes hier und dort zu stärken. Mitgliedschaft und Arbeitsleistungen beruhten auf Freiwilligkeit. Die Pflichten und Verantwortlichkeiten, die die jugendlichen Helferinnen zu übernehmen hatten, überforderten ihre Fähigkeiten nicht, aber das Ziel ihrer Gedanken und Tatkraft war ein überpersönliches und erzog sie zur Hingabe an das größere Ganze. Stille Alltagsarbeit und schöne große Jahresfeste, die man mit anderen Schulgruppen gemeinsam beging, vor allem aber die großen Tagungen etwa in Hirschberg oder Goslar, die die VDA-Jugend des ganzen Reiches und von jenseits der Grenzen zusammenführten, woben ein feines Band der Zusammengehörigkeit und kräftigten in den jungen Menschen die Wurzeln, aus denen die edleren Triebe deutscher Art erwachsen.“ 10 „Damals noch weit entfernt, ein machtpolitisches Instrument zu sein“ sicherlich richtig.

Nur wie weit entfernt war man vom Geist der späteren Jahre, wenn es auch heißt: „Aber das Ziel ihrer Gedanken und Tatkraft war ein über4 persönliches und erzog sie zur Hingabe an das größere Ganze. ... und kräftigten in den jungen Menschen die Wurzeln, aus denen die edleren Triebe der deutschen Art erwachsen.“ Leicht konnten diese Ziele nach 1933 mißbraucht werden.

Der VDA, ursprünglich „Allgemeiner deutscher Schulverein“ (1881-1908), war eine nach dem Vorbild des 1880 in Wien gegründeten „Deutschen Schulvereins“ entstandene Vereinigung zur Erhaltung des Deutschtums im Ausland. Die Arbeit des VDA galt besonders dem Aufbau deutscher Schulen dort, wo dafür keine öffentlichen Mittel zur Verfügung standen.

Über die Gruppen der Deutschen im Ausland urteilt der Historiker Erdmann: „Bei allen Besonderheiten im einzelnen waren jedoch den verschiedenen deutschen Volksgruppen in Osteuropa einige Züge gemeinsam, die es verständlich machen, daß die nationalsozialistische Gleichschaltung auch außerhalb des deutschen politischen Machtbereiches gelang.“ 11 Der VDA wurde 1933 als „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ einem „Reichsführer“ unterstellt, dem im Kärntner Volkstumskampf „bewährten“ Hans Steinacher. Später wurde die Arbeit dieser Organisation von der „Volksdeutschen Mittelstelle“ der SS übernommen. Die Vorbereitung und Ausführung von Feiern oblag weitgehend den Schülerinnen selbst.

„Sie sind wohl auch nicht auf dem Parkett geboren.“

Wie wenig Verantwortung und Mitbestimmung das Kollegium den Schülerinnen, die nun, nach Einführung des Frauenwahlrechts, politisch gleichberechtigt sein würden, aber insgesamt übertrug, kann man an folgendem erkennen: „Hatte das Kollegium nach 1913 den in der Dienstanweisung von 1912 enthaltenen Vorschlag, Pflichten wie die Ordnung des Klassenraumes, Führung des Klassenbuches usw. bestimmten Schülerinnen verantwortlich zu übertragen, einstimmig abgelehnt, so griff es, als nach dem Kriege 1919 ein Revolutionserlaß die Einsetzung von Schülerräten forderte, jenen Vorschlag von 1912, indem es gegen diesen Erlaß wegen seiner die Schule verunglimpfenden Art protestierte, wieder auf und ließ zunächst nur von den Klassen des Oberlyzeums Vertrauenschülerinnen wählen.“ 13

Schulreform und Schulalltag

In den zwanziger Jahren mußten einige Veränderungen im Aufbau der Schule vorgenommen werden. In einem Erlaß vom 17.3.1919 hieß es: „ Das Ministerium hat angeordnet, daß von Ostern 1919 an (...) wenigstens die Hälfte der Stunden in den wissenschaftlichen Fächern der Mittelund Oberstufe mit akademisch gebildeten Lehrern/Lehrerinnen zu besetzen ist (...)“ 14 Mit der Schulreform von 1923 wurde den nicht an der Universität, sondern im Lehre– rinnenseminar ausgebildeten Lehrerinnen die Arbeit in der Oberund Mittelstufe gänzlich untersagt; gleichzeitig wurde das Oberlyzeum neuen Stils geschaffen, das auf dem sechsklassigen Lyzeum aufbaute und Schülerinnen den Universitätszugang ermöglichte.

An der Zusammensetzung der Schülerinnenschaft änderte sich in der Weimarer Republik im Vergleich zum Kaiserreich nur wenig. Immerhin wurde versucht, auch sozial benachteiligten Schülerinnen den Zugang zu ermöglichen. So bewilligte der Magistrat z.B.

1920 24 Schülerinnen eine gänzliche und 18 eine halbe Schulgeldbefreiung. Daß mit diesen wenigen Veränderungen noch keine wirkliche Öffnung der Schule erreicht wurde und immer noch der Geist des Kaiserreiches vorherrschte, verdeutlicht das folgende Ereignis: Eine Schülerin wurde bei einem Fehlverhalten von ihrer Lehrerin mit den Worten getadelt: „Sie sind wohl auch nicht auf dem Parkett geboren.“, eine Demütigung, an die sich die Betroffene noch nach siebzig Jahren erinnert.

Toleranz und pluralistisches Denken, elementare Bestandteile einer demokratischen Gesellschaft, zählten noch nicht zu den gelebten Werten. Das zeigte sich etwa im Umgang mit den jüdischen Mitschülerinnen.

Wenngleich tolerantes Verhalten nachträglich behauptet wird, so sagen doch die Erfahrungen der Jüdinnen anderes aus. Eine Christin: „Die Katholikinnen gingen auf die Ursulaschule, die Evangelischen auf unsere. Die freidenkenden Katholikinnen gingen, wenn die Eltern es erlaubten, zur Not auch auf unsere Schule.

In den mittleren Klassen hatten wir auch einige Jüdinnen, aber nicht einmal in allen Jahrgängen.(...).Von ihnen wurde gar nicht weiter Notiz genommen. Man hatte so seine Freundinnen, und die Jüdinnen kannten sich ja untereinander, weil die den Grundunterricht in der Synagoge gehabt hatten. Die Religion spielte überhaupt keine Rolle; sie wurden überhaupt nicht ausgesondert. Entweder waren sie einem sympathisch wie andere Mädchen auch oder nicht (...) Ein etwas anderes Wesen hatten sie vielleicht ja doch (...). Eine Jüdin hat mit uns Abitur gemacht Später hatten wir noch Kontakt. Sie hat mir nach dem Krieg aus der Schweiz geschrieben.“ 15 „(Jüdische) Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen wurden am Sonntagvormittag in der jüdischen Schule in Religion unterrichtet. Als der Gemeinde in den 1920er Jahren ein Rabbiner vorstand, erhielten sie von ihm direkt in den jeweiligen Schulen Religionsunterricht. Eine höhere Schulbildung erhielten die Töchter jüdischer Familien Osnabrücks vorwiegend in der 1853 ( vermutlich 1848 der Verfasser) als Alternative zur bischöflichen höheren Mädchenschule (...) gegründeten städtischen höheren Mädchenschule am Kanzlerwall. Die höchste Zahl jüdischer Schülerinnen verzeichnete die städtische höhere Mädchenschule 1890. Von insgesamt 398 Schülerinnen waren 32 (8%) ,israelischen ́ Glaubens. Bei dem geringen Anteil der jüdischen Bevölkerung an 5der Einwohnerzahl erhielten also erstaunlich viele Töchter jüdischer Familien eine höhere Schulbildung. Da bis zum Ersten Weltkrieg jüdische Mädchen nur selten berufstätig waren, galt es, die Zeit bis zur Eheschließung sinnvoll zu überbrücken. Zudem verbesserte eine gute Schulbildung die Heiratschancen, erhöhte die soziale Mobilität und ebnete damit auch die Wege zur Assimilation. Allerdings ging die Zahl der  ́höheren Töchter ́ bis zum Ende der Weimarer Republik zurück. Die Gründe hierfür sind in dem stagnierenden Wachstum der jüdischen Gemeinde zu suchen, in Abwanderung und in dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang nach dem Weltkrieg. 1930 besuchten noch 17 jüdische Schülerinnen das Oberlyzeum bei insgesamt 577 Schülerinnen. Festzuhalten ist jedoch, daß die Bildungsbereitschaft jüdischer Mädchen und junger Frauen grundsätzlich höher war als die nichtjüdischer Gleichaltriger.“ 16 „Hanna Levy 17 , an sie entsinne ich mich noch gut. Sie war mit unsere Klassenbeste; Religionszugehörigkeit war kein Thema.

Im Tennisclub hatten wir auch Juden. Von den Veränderungen 1932/33 haben wir in der Schule nichts mitbekommen.“ 18 Daß jüdische Schülerinnen andere Erfahrungen gemacht haben müssen, davon zeugt der folgende Bericht: „Als sie (Ilse Losa) später das Lyzeum in Osnabrück besuchte, waren es die gedankenlos hingeworfenen, selten persönlich gemeinten abschätzigen Bemerkungen über die Juden, die ihr das Gefühl des Nichtdazugehörens vermittelten. Der Schmerzlichkeit dieser Erfahrungen gibt sie in ihrem autobiographischen Roman mehrfach Ausdruck: ‚Trotz der Freundschaft und Solidarität einiger Klassenkameradinnen war ich von Ängsten und Zweifeln geplagt. Hartnäckig plagte mich die Furcht, jemand könnte die Juden beschimpfen.

Ich erwartete ständig, unsere Leute verteidigen zu müssen, und übte deshalb Sätze ein, die ich 6 ruhig, überzeugt und erhobenen Hauptes sagen wollte. Meine Mitschülerinnen zeigten sich mir gegenüber selten aggressiv oder beleidigend.

Wenn dies aber geschah, stieg mir das Blut in den Kopf und meine Kehle schnürte sich zu, so daß ich mich nicht verteidigen konnte. Ich hielt mich deshalb für feige. ́...“ 19 Ein erklärtes Ziel der revolutionären Kräfte in der Weimarer Republik war die Säkularisierung des öffentlichen Lebens, um so das Bündnis von „Thron und Altar“ endgültig zu zerschlagen. Die Hochschätzung der Religion und des Religionsunterrichtes in der Schule führte jedoch an vielen Orten zu heftigen Auseinandersetzungen. Auf Ablehnung stieß der Erlaß vom 29.11.1918. Darin hieß es: „Die Stellung der Religion in der Schule hat zu einer Reihe fast allgemein anerkannter Mißstände geführt, deren Beseitigung längst fällig und eine Ehrenpflicht eines freien und sozialistischen Staatswesens ist .... Um jede Glaubensund Gewissensvergewaltigung aus der Schule zu entfernen, ist es nötig, jeden Zwang zu religiösen Übungen und Äußerungen, auch zur stillschweigenden Beteiligung an ihnen, zu beseitigen... In diesem Sinne verordnen wir für sämtliche uns unterstellten Lehranstalten der Republik Preußen:

  1. Das Schulgebet vor und nach dem Unterricht wird, wo es bisher üblich war, aufgehoben.
  2. Eine Verpflichtung der Schüler seitens der Schule zum Besuch von Gottesdiensten oder anderen religiösen Veranstaltungen ist unzulässig...
  3. Religion ist kein Prüfungsfach....“ 20

Nachdem „lebhafte Bedenken“ gegen diesen Erlaß laut geworden waren, wurde bereits am 2.1.1919 angeordnet, „ daß seine Durchführung überall dort, wo sie auf ernsthafte Schwierigkeiten stößt, bis zur Entscheidung durch die preußische Nationalversammlung zu unterbleiben hat.“ 21

Am 20.12.1918 hatte in der Aula der Höheren Mädchenschule, in der die christliche Religion evangelisch-lutherischer Prägung von Anfang an ein prägendes Element war, eine Versammlung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft stattgefunden, auf der man gegen den oben erwähnten Erlaß auch Protest eingelegt hatte.

Weiterhin fanden montags und samstags, zum Beginn und zum Ende der Unterrichtswoche, Andachten in der Aula statt, in denen Choräle gesungen wurden und ein/e Lehrer/in aus der Bibel einen Abschnitt vorlas. Die Stellung des Religionsunterrichtes änderte sich seit 1920 allerdings erheblich.

„ Als verbindlicher wissenschaftlicher Lehrgegenstand im Sinne des § 4 der Versetzungsordnung kommt Religion, seitdem das Fach wahlfrei geworden ist, nicht mehr in Betracht.“ 22 „Der Unterricht war langweilig und banal. Vor jeder Stunde mußten wir einen Choral singen.“ 23 „Hanna Levy, unsere Jüdin, und Juliane v.

Löwenstein, deren Vater Pastor war, bestritten den Unterricht. Wir anderen hörten mehr oder weniger interessiert zu.“ 24 Festzustellen ist, daß in den ideologisch prägenden Fächern vom Einzug eines „neuen demokratischen Geistes“ nicht die Rede sein konnte. Im Deutschunterricht „wurden die Klassiker Goethe und Schiller (Tasso, Glocke) gelesen, aber auch Arbeiterdichtung (Lesch, Keller). Ein Aufsatzthema aus der Unterprima, wo die Aufsätze noch in deutscher Schrift geschrieben wurden, lautete:  ́Wie stelle ich mir auf Grund des Goethischen Dramas das weitere Schicksal Tassos vor ́.“ 25 „Zuerst besprachen wir die mittelalterlichen Minnesänger. Von der modernen Literatur bekam man nicht viel mit, wir sprachen ja das ganze Jahr über Goethe. Überhaupt mußten wir viel, vor allem Gedichte, auswendig lernen.“ 26 Rezitieren spielte die entscheidende Rolle.

Obwohl im Lehrplan Arbeitsunterricht vorgesehen war und auch die Materialen dafür, z.B. für den Geschichtsunterricht, an der Schule vorhanden waren, wurden diese nicht genutzt. Entsprechendes galt auch für den Französischunterricht; die alten Feindbilder wurden auf solche Weise nicht abgebaut. Sprüche aus dem 1. Weltkrieg („Die Franzosen mit den roten Hosen, mit den blauen Jacken, kriegen welche in den Nacken“) waren den Schülerinnen auch Jahrzehnte später noch präsent. Französisch wurde gelehrt; zur praktischen Erprobung gab es aber keine Beziehungen oder Kontakte zu Frankreich. Es war nach wie vor reines Bildungswissen.

„Konversation haben wir nie betrieben, immer nur Vokabeln lernen, lesen und übersetzen.“ 27 Als fortschrittlich erscheint dagegen in der Erinnerung der Mathematikunterricht bei Herrn Bokowski. Dieser Lehrer machte mit den Schülerinnen neben dem regulären Unterricht Ausflüge nach Hannover ins Planetarium, zur Saline nach Bad Rothenfelde oder zur Eisengießerei Weymann in Osnabrück. Die Arbeitsgemeinschaft „Mathematik“ fand bei Kampmeier, im Garten des heutigen Parkhotels, statt.

„Es gab besonders unter den jüngeren Lehrerinnen solche, die von den Bewegungen der Zeit ergriffen waren, die nach Wandervogelart mit den Mädchen hinausgingen, in Jugendherbergen schliefen, Nachtfahrten mit ihnen machten, die mit ihnen turnten oder in Lesestunden und Aussprachekreisen sie um sich sammelten.“ 28 Zu ihnen muß die Sportlehrerin Claire Schulz, die ihre Schülerinnen sogar duzte, gehört haben.

1918 33 7 1„Im Sportunterricht mußten wir alles machen, was auch bei Sportfesten geboten wurde. Wir mußten auch Volkstanz tanzen, was uns aber Spaß gemacht hat. Gymnastikgruppen wurden modern. Manchmal haben wir beim Verein für Frauenbildung und Frauenkultur 7Eine Tanzgruppe der Unterprima auf der Tribüne des „Moskau“, 1930 32 getanzt.“ 29 Die Mehrzahl der Lehrer/innen trat aber völlig anders auf: auf Demonstration von Amtsautorität bedacht.

„Vor den Lehrern hatten wir einen Respekt, das glaubt einem heute keiner mehr. Es bestand eine tiefe Kluft. Man zitterte und schlotterte vor Angst.“ 30 „Während jene kleinen Wander-, Turnund Lesekreise, in denen einzelne Lehrerinnen sich mit gleichgesinnten Schülerinnen zusammenfanden, ganz am Rande des Schullebens standen und vielleicht einmal mit etwas Befremden aufgenommen wurden, hielt ... der Direktor (Dr. Ludwig Gerlach) die Zügel fest in der Hand.“ 31 In der Weimarer Republik setzte sich also die bürgerlich-konservative Prägung der Schule mit nationalem Einschlag fort. In grundsätzlicher 8 Übereinstimmung mit dem Kollegium, dem hier und da zeitgemäße Neuerungen als Extravaganzen zugestanden wurden, „hielt der Direktor die Zügel fest in der Hand“, Autorität ausübend und an Autorität gewöhnend.

Die neue republikanisch-demokratische Staatsform wurde, soweit sich erkennen läßt, in Kauf genommen, aber nicht wirklich getragen, gestützt oder gar konstruktiv genutzt. Darin war die Schule ein „Mikrokosmos der Gesellschaft“ der Weimarer Zeit.

 

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