Montagslesung Haffner 14Am Montag, dem 21. Januar 2019, fand in der Aula des Gymnasiums "In der Wüste" die erste Lesung zu den Erinnerungen von Sebastian Haffner aus seinem Buch "Geschichte eines Deutschen" statt. Aus diesem emotional eindringlichen, sprachlich exakten Werk hat Herr Burkhard Imeyer, ehemaliger Oberstudienrat für Geschichte und Englisch am Bramscher Greselius-Gymnasium, die bedeutendsten Passagen extrahiert, neu arrangiert und mit weiteren zeitgenössischen, historischen Zitaten von u.a. Karl Kraus, Harry Graf Kessler und Kurt Tucholsky sowie modernen Äußerungen unserer Gegenwart angereichert. Daraus ist ein Kaleidoskop von analytischen, expressionistischen, aber auch emotionalen wie theoretischen Einblicken in eine Zeit entstanden, die in ihrer Bewegtheit und in ihrem Pendeln zwischen Normalität und Extremen unserer Gegenwart doch so sehr gleicht.

Wir haben uns bei der Erstellung des Manuskripts besonders auf die Zeit von 1917 - 1933 konzentriert. Kaum ein Historiker zeigt so eindrücklich und nachvollziehbar wie Haffner, wie eine Demokratie sich mehr oder weniger selbst von innen abschaffen oder gar zerstören kann. Als bedrückend auffallende Schlagworte fungierten hier nicht nur die modernen Zitate (u.a das "Jagd-Zitat" von A. Gauland), sondern auch Haffners Analyse: "Man wollte gar nicht". Analog dazu will der Titel der Lesung in seiner Doppelbödigkeit verstanden werden: "Wem hätten wir denn (sonst) folgen sollen?" - Diese Frage Tucholskys muss heute als rhetorisch verstanden werden, denn angesichts der Kontroverse um einen deutschen Sonderweg, der Theorie einer verspäteten Nationsbildung sowie fehlender individueller politischer und sozialer Verantwortungsbereitschaft im Spannungsfeld von Nationalismus und Chauvinismus, Untertanenmentalität, Autoritätsstaat und postfaktischer Politik verbietet sich allein schon eine auch nur kurze Suche nach einer möglichen "Führung". Die Antwort lautet selbstverständlich: "Niemandem!" Mit fortschreitender Lektüre von Haffners Werk und der sukzessive zunehmendem Beklemmung wächst auch immer mehr die Erkenntnis der Parallelen zwischen der Weimarer Republik (ohne Republikaner) und der heutigen Bundesrepublik (der Wutbürger und fatalistischen Desinteressierten).

Die Mühe, Akribie und auch besonders die Liebe zum Detail, die Herr Imeyer mit seiner zweiten historischen Lesung dieser Art hier wieder bewiesen hat, verdienen höchste Anerkennung! Dieses Projekt hat insgesamt fast zwei Jahre Vorbereitung in Anspruch genommen und die Leistung von Familie Imeyer war dabei auf allen Ebenen kreativ und nachhaltig. Texte, Bilder, Musik, Arrangements, Ausdruck und Tonfall beim Lesen sowie auch die Plakate mussten immer wieder überdacht und modifiziert werden. Hier wurde nicht nur abgeschrieben und konsumiert, sondern eben vornehmlich etwas Neues geschaffen, etwas, das als Gesamtwerk bedeutsamer, überzeugender und eindringlicher wurde als die bloße Summe seiner Einzelteile. Bei weitem nicht zu unterschätzen ist dabei der Anteil von Frau Imeyer, welche die begleitende Präsentation entwickelt und angepasst, die Plakate entworfen hat und insgesamt bei allen Problemen mit Rat und Tat jederzeit ansprechbar war und Hilfe wusste. Vielen, vielen Dank!

Das beste Konzept bedarf aber auch noch der Offenheit und Einfühlungsbereitschaft der Lesenden und da haben wir zum Glück auch in diesem Jahr wieder eine richtig gute Gruppe beisammenbekommen. Als Vortragende verdienten sich folgende Schülerinnen und Schüler großen, lauten und anhaltenden Applaus: Insa Beisel, Jule Brünenkamp (Jg. 11), Maya Gausmann, Svenja Pohlmann, Paul Bielefeld, Philipp Hagemann, William Homburg und Laurin Schiffer (alle Jg. 12). Diese Gruppe in ihrer Entwicklung und dann in Aktion zu betrachten, bereitet einfach nur große Freude: Alle haben sich seit den Somemrferien in die Texte hineingearbeitet, sie immer wieder durchgesprochen, abgewogen und neu akzentuiert. Dazu haben wir uns nun ein halbes Jahr fast wöchentlich mittwochnachmittags für zwei Stunden getroffen, um Einsätze, Betonungen und Zusammenhänge zu üben, auszufeilen und mit Ton und Bildern zu synchronisieren.

Das Ergebnis ist elaboriert, beeindruckend, will nicht mehr aus dem Kopf gehen: Die analytischen Passagen zeitigen dabei eine ebenso eindringliche Wirkung wie auch die Lieder, die im (wechselseitigen) Chor gesprochenen Gebete, Parolen und Schwüre. Unsere acht Leserinnen / Leser verkörpern überzeugend sowohl Haffners spätere messerscharfe sprachliche Analyse als auch eine Identifikation mit dem emotionalen Erleben des noch jugendlichen Haffner während der neunzehnzwanziger Jahre. Viele Wendungen und Aussagen entfalten dabei ihre Wirkungskraft sogar erst im weiteren Verlauf der Lesung bzw. gar erst bei späterer eigener Rekapitulation derselben.

Diese Text-Bild-Ton-Collage entpuppt sich wie bereits der erste Teil zum Ersten Weltkrieg als ein multimedialer, alle Sinne ansprechender, intellektuell anspruchsvoller und politisch herausfordernder Beitrag zu einem sozialen Diskurs um politische Mitverantwortung und demokratisches Engagement: Das Publikum erwartet hier sinnlich ein Kopfkino, rational aber durchaus anspruchsvolle, im wahrsten Sinne des Wortes schwerwiegende Kost.
Alles in allem bleibt eine gelungene Veranstaltung im Gedächtnis, die in vielerlei Hinsicht beeindruckte und Freude bereitete. Wir alle freuen uns auf die noch folgenden Aufführungen in dieser Konstellation:

  • Donnerstag, 24.01.2019, 19.00h Schulaula des Gymnasiums "In der Wüste"
  • Donnerstag, 14.03.2019, 19.30h "Ruller Haus" e.V., Klosterstraße 4, 49134 Wallenhorst
  • Mittwoch, 05.06.2019, 19.00h, Remarque-Friedenzentrum, Am Markt, Osnabrück (Termin geplant, aber noch nicht bestätigt)

Thomas Allewelt